"Sat1-Reporter: Diese Diskussion ist ja deswegen vor allem so unglaublich gefährlich, weil man wirtschaftliche Kraft nicht mit Menschenleben aufwiegen darf. Und trotzdem müssen wir über die Zukunft sprechen, weil viele Menschen schlichtweg Angst haben, dass es danach wirtschaftlich nicht mehr weitergeht. Wir müssen unser Leben finanzieren. Halten Sie den Shutdown, in der Qualität, wie wir sie jetzt ha-ben oder ihn jetzt haben, für eine Fehlentscheidung?
Boris Palmer: Der war richtig vor fünf Wochen, als wir ihn gemacht haben, weil die Fallzahlen so schnell angestiegen sind, dass es völlig außer Kontrolle geriet. Aber ich sehe den Shutdown wie ein Medika-ment für eine Krankheit. Wir bekämpfen ja eine Krankheit und weil wir nichts haben, was wir in der Klinik einsetzen können, haben wir den Shutdown, der einfach als Distanzierung dafür sorgt, dass die Krankheit sich nicht weiter ausbreitet. Und jedes Medikament hat Nebenwirkungen. So ist es auch mit dem Shutdown. Die Nebenwirkungen werden jetzt immer stärker und in dem Moment, wo die Nebenwirkungen den Nutzen übertreffen, muss man das Medikament absetzen oder schwächer do-sieren. Ich bin der Meinung, wir müssen es jetzt schwächer dosieren.
Sat1-Reporter: Also jetzt anpassen. Jetzt gibt es diesen Satz, der im Raume steht, vom Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Er sagt „Nicht alles ist dem Schutz von Leben unterzuordnen“. Wie deuten Sie diese Aussage?
Boris Palmer: Ähm. Ich glaube, dass es ihm darum geht, dass wir tatsächlich alle irgendwann sterben und auch das Grundgesetz das nicht verhindern kann. Und wenn Sie die Todeszahlen anschauen durch Corona, dann ist es bei vielen so, dass eben Menschen über 80 insbesondere sterben. Und wir wis-sen, über 80 sterben die meisten irgendwann. Also ist Corona jetzt nicht wie Ebola eine Krankheit, die 20-jährige mitten aus dem Leben reißt, sondern tödlich ist sie für hochaltrige Menschen. Fast ausschließlich. Und insoweit müssen wir abwägen. Ich sag´s Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in ´nem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen. Aber die weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzung der UNO dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine Millionen Kinder zusätzlich das Leben kostet. Und da sieht man, es ist ein Medikament mit Nebenwirkungen. Wir müssen es richtig dosieren."
Quelle: Auszug aus einem TV-Interview mit Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, Sat1-Frühstücksfernsehen vom 28. April 2020 (5 Uhr 30).
Wortlaut des gesamten Interviews hier.
Video zur Sendung auf Sat1.